Geschichte

Mühlengeschichte des
Mühlendorfs Räbke

„RÄBKE: Der interessanteste Mühlenort des Kreises Helmstedt ist Räbke, denn er hat heute noch sieben Wassermühlen. Das stellte Wilhelm Kleeberg in der 2. Auflage seiner Niedersächsischen Mühlengeschichte aus dem Jahr 1979 (S. 387) fest. Fünf von ihnen werden im Folgenden gem. der Räbker Chronik abgehandelt, ergänzt um die ausführlichen Bearbeitungen zu unseren ehemals drei Papiermühlen von Joachim Lehrmann, durch welche unser Ort auch in größerem Rahmen eine Sonderstellung beanspruchen darf: Nirgendwo in Niedersachsen befanden sich derart viele Papiermühlen auf so engem Raum, mit einem tw. deutschlandweit herausragenden Leistungsspektrum (s.w.u.: „Kleines Dorf mit großer Papiergeschichte“).

All unsere Wassermühlen wurden oder werden von der einst so wasserreichen, vom Elm kommenden Schunter angetrieben. Deren sieben sind noch 1802 in der Geographisch Statistischen Beschreibung aufgeführt: Über dem Dorf eine ehem. Privatpapiermühle, eine Mahlmühle mit Grützgang, die Kammer-Erbenzinsmühle ist, im Dorf drei Privatwassermühlen, eine Ölmühle und eine Papiermühle. Die Fürstliche Papiermühle, als vormals achte Mühle, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ihr Ende gefunden. Erwähnt sei auch die zeitweilige Rossölmühle im Dorf, wie auch jene kuriose Konstellation, als zu Beginn des 17. Jh. allein vier Mühlengewerke auf dem Gelände der Mittleren Papiermühle arbeiteten.

Feldriss von Räbke, 1754

(General-Landesvermessung – Hist. Komm. f. Niedersachsen)

Diese Karte aus dem Jahr 1754 zeigt sehr deutlich den Lauf der Schunter im Dorf. Der Mühlengraben war der Hauptlauf, denn es galt, die Ölmühle Willecke, die Getreidemühlen Liesebach und Prinzhorn mit Antriebswasser zu versorgen.

Obermühle / Obere Papiermühle

Auszug aus den Publikationen von Joachim Lehrmann (s. u.)

Der Schunterquelle am nächsten liegt in Räbke die Obermühle, ein idyllisch gelegener schöner Fachwerkbau wie aus dem Bilderbuch – Mühlenweg 131. Dennoch stammt sie „ihrer Bauart nach“ nicht aus dem 16. Jahrhundert, wie Kleeberg vermutet, sondern ist unter den Räbker Papiermühlen die jüngste Gründung. Spekulationen über eine von Mönchen gegründete Vorgängermühle sind widerlegt (s. Lehrmann, 1994, S. 214ff.). Es war die Pächterfamilie der Wahnschaffschen Mittelmühle bzw. Mittleren Papiermühle Kanebly/Canebley, die dort ja erlebte, wie in Räbke das Papiergeschäft blühte und nun danach strebte, sich nach der Fürstlichen Papiermühle in einer weiteren Folgegründung der Mittelmühle selbstständig zu machen. Um diese Zeit verstarb der Papiermacher Jürgen Canebley, der den Bau bereits begonnen hatte, und es ist bewunderungswürdig, wie dennoch seine Witwe Anna Marie im Jahre 1708 den Bau dieser neuen Papiermühle vorantrieb. Sie wurde nun „das erste Haus“ unter der Quelle.

Obermühle (Foto Röhr)

Die Lage der Mühle war insofern recht günstig, als es nie an reinem und klarem Springwasser, „dem fürnehmsten Mittel zur Verfertigung guter Papiere“ (Fabrikationswasser) fehlte, worauf ja die Papiermacherei besonders angewiesen war. Darum wurde das hier gefertigte Papier gut bezahlt.

Nachteilig war die Entfernung des Beigeschirrs zur Lumpen-Vorzerkleinerung, welches einen eigenen Gesellen erforderte; dann der häufige Wassermangel, der in „trockener Zeit nur 2, höchstens 3 Loch brauchen ließ.“

Die Witwe Kanebley sollte sich ihres neuen Besitzes nicht lange freuen. Sie hatte offenbar keine genügenden Mittel, nicht einmal zur Vollendung des Baues. Wie es scheint, hat der Forstmeister und Amtmann Daniel Köhler ihr das nötige Geld vorgeschossen. Jedenfalls hat er die Bauarbeiten alsbald selbst in die Hand genommen und 1709 durch den Maurermeister Heckewald in Königslutter zum Abschluss gebracht. Als er 1711 starb, haben seine Erben das Eigentumsrecht an der Papiermühle beansprucht und auch vorläufig zur Geltung gebracht. Doch wurde die Witwe Kanebley nicht vertrieben, sondern laut eines Vertrages von 1712 als Pächterin in der Mühle belassen, gegen einen jährlichen Zins von 80 Talern. Als die Köhlerschen Erben 1728 die Mühle an den Hofrat Dr. Heister Professor medicinae primarius in Helmstedt verkauften, blieb die Familie Kanebley auch noch in der Pacht. 1730 aber klagte sie die Mühle von den Köhlerschen Erben nachträglich ein, und zwar mit dem Erfolg, dass der Verkauf an Heister rückgängig gemacht wurde. Dieser musste 1733 für 18 000 Taler aufs Neue kaufen, jetzt von der vorigen Pächterin, um in unangefochtenen Besitz zu gelangen.“

Obermühle Südansicht (Federzeichnung W. Krieg)

Die Papiermühle wird in der Inventaraufnahme von 1728 beschrieben: „Durch einen geflochtenen Zaun führte ein zweiflügeliger Tannentorweg mit einer Pforte zwischen drei eichenen Torsäulen auf den Hof. Das Wohnhaus war 16 Verbind lang, 9 Verbind breit, 2-mal übersetzt und mit Ziegeln gedeckt. Den Eingang bildete eine gebrochene Eichentür mit hölzernem Riegel und eisernen Krampen…

Die Wohnstube rechts von der Dehle hatte eine Tannentür mit eisernem Handgriff und Klinke, 2 Fenster hofwärts mit je 4 Flügeln und tanneneingefaßten Zargen, 1 kleines Fenster mit Schieber nach der Dehle, einen eisernen Ofen mit doppelten Kachelaufsätzen. Die Wände waren mit vermalten Tannenbrettern bekleidet; an ihnen waren fünf Tannenbänke angenagelt, auch eine „Handquelle“ (Handtuchbrett). Den Boden bildeten Völpker Steine.

Dem Hofrat Heister wurde durch die geschilderten Umstände der Mühlenbesitz verleidet, so dass er ihn 1741 der Kammer zum Kauf anbot. Dieser aber verursachte damals schon die Untere Papiermühle am Herkling genug Schwierigkeiten, weshalb sie das Angebot ablehnte.

„1742 erwarb der erfahrene Papiermachermeister Johann Christian Borcherdt das Anwesen und beabsichtigte, ein holländisches Schneidewerk zu installieren und das Wasserrad zu vergrößern. Dafür erhielt er 1743 auch die Genehmigung des Herzogs Carl I., doch zahlreiche seiner Mühlennachbarn bis hin nach Frellstedt, in den Akten zusammengefasst als „Wahnschapen und Consorten“, waren dagegen. Es entspann sich sogleich ein an Facetten kaum zu überbietender Mühlenkrieg. Bei einem dessen Höhepunkte zogen seine Widersacher nachts im Fackelschein und mit Äxten bewaffnet zur Obermühle und schlugen das neue Wasserrad in Stücke.

Heinrich Christian Borcherdt

Gleichwohl ist es Borcherdt gelungen, sein Geschäft in die Höhe zu bringen, wie  anhand  der  großen Zahl seiner hochwertigen Papiere zu ersehen ist. Nicht wenige versah er zwar mit seinen und den herzoglichen Initialen, auch schon mal mit dem Schriftzug „RAEBCKE“, doch mit abgewandelten holländischen Wasserzeichenmotiven. Damit wollte er zum Ausdruck bringen, dass seine Papiere qualitativ an holländisches Papier heranreichten – wobei man wissen muss, dass die Holländer in jener Zeit das hochwertigste Papier zu fertigen verstanden. Entsprechend heißt es von seiner Fabrikationsstätte schon zum Jahr 1743, sie „sei als eine neue, dem Lande sehr nützliche Fabrique anzusehen, weil er so schönes besonderes und großes Schreib- und Druckpapier zu machen weiß, welches sich im ganzen Lande nicht hat finden lassen„. Mit großen Kosten musste deshalb in der Vergangenheit Papier aus Sachsen und anderen Ländern herbei geschafft werden. Den Borcherdts ging es wirtschaftlich gut. Der Sohn Heinrich Christian erwarb auch noch die unter ihm liegende Mahlmühle. Es folgten Schwiegersohn Wiesener für eine Übergangszeit, und dann der Sohn.

1813, während der Befreiungskriege vom Joch Napoleons, wurde die Papiermühle von Johann Wilhelm Scharschmidt von der Mittelmühle für 2.700 Taler in Gold erworben. Damit vereinigte er die Räbker Papierindustrie in einer Hand. Die sogenannte Klappermühle, unterhalb genannter Mahlmühle Nr. 93, wurde jetzt niedergerissen, ihr wüster Platz an die Gemeinde abgetreten und der Mühlgraben zu Gartenland gemacht.

Sein Sohn Carl Wilhelm Scharschmidt führte fortan den Betrieb, der gar mit der Bezeichnung „Holländische Papiermühle“ bezeichnet wurde. Auch findet sich hochwertiges Velinpapier in seiner Fertigungspalette.

Doch Carl Wilhelm Scharschmidt wurde schon früh ein Opfer der Auszehrung (Schwindsucht/Krebs), weshalb 1846 der Verkauf an den Papierfabrikanten Leunig erfolgte, der noch eine Zeitlang Makulaturpapier und Strohpappen zu Buchdeckeln und für Schachtelmacher fabrizierte, bis die Mühle 1865 verkauft und zur Mahlmühle umgebaut wurde.

Obermühle

Seit 1909 war sie in Bertrams Besitz. Ein oberschlächtiges Wasserrad mit einem Durchmesser von sechs Metern erzeugte ein ordentliches Drehmoment, das bei ausreichender Wassermenge eine hinreichende Leistung erzielte. Eigentümer der Mühle war bis in die späten 50er Jahre des 20. Jahrhunderts Herr Nagel und danach seine Erben. Er verpachtete aus Altersgründen im Februar 1952 samt Stallungen und Vieh an den Mühlen- und Sägewerksbesitzer, den Müllermeister Helmut Kammel. Aber auch diese Zeit als Mahlmühle war bald vorbei. Die obere Papiermühle hat ihren Betrieb als Mahlmühle lt. dem Bericht von Hans-Werner Kammel (Rektor in Flechtorf und Sohn des Betreibers Helmut K.) 1962 endgültig eingestellt. 1965 wurden auch hier Wasserrad und Mahlwerk ausgebaut.

In den Jahren von 1964 bis 1972 befand sich auf dem Mühlenhof die letzte Schäferei in Räbke, sie hatte zeitweilig die Größe von 300 Muttertieren.

Heute ist die Obermühle im Besitz der Familie Mölle. Die Gebäude wurden in den späten Jahren des letzten Jahrhunderts von dem Bauunternehmer Gustav Mölle wieder hergerichtet.

Die Amtsmahlmühle

Nach J. Lehrmann

Diese herrschaftliche Mahlmühle (auch „Herrenmühle“) ist die zweite Mühle „von oben“ und die ehemalige Obermühle (Ass.-Nr. 93). Sie hat das Vorrecht auf zwei Gänge und wurde als Mahl- und Graupen- Grützmühle genutzt. 1623: Heinrich Hohemann, „itzo der Ober Muller“. Hans Wanschape (wohl Vater des Ernst) hatte sie 1625 und noch 1666 pachtweise inne. Er wurde gelobt als guter Zimmermann, während sein Vorgänger als  ein „Sänger und Zitterschläger“ in die Annalen einging. Jordan Wanschape wird 1663 als Obermüller und Zimmermann bezeichnet.

Henrich/Heinrich Wanschape ist 1682-1712 Obermüller auf der noch unterschlächtigen Mühle. Er bewirtschaftet zugleich die Mönchsmühle (Lehrmann, S. 160).

Erbregister Warberg von 1704: „Die Obere Mühle zu Räbke ist die erste, welche an der Schunter liegt, undt wirdt durch dieselbe umgetrieben, ist unterschlechtig … deren Mahl Gäste sindt die Einwohner zu Lellm, sie kommen auch aus dem Ambte Jerxheim“ (Lehrmann, S. 215). 1729 Johann Daniel. 1734 Joh. Schönduve. 1744 wird ihr Müller Franz Bodemann genannt, der sich nicht am Krieg gegen Borcherdts Obermühle beteiligte. 1765 ist Pächter Franz Wilhelm Bodemann. Ihm wird um 1774 die Anlegung eines Ölganges genehmigt, was vom „Oelschläger“ Andreas Wahnschaffe angefochten wird.

Die Mühle wird vom benachbarten Papierfabrikanten Heinrich Christian Borcherdt (gest. 1797) erworben und vom Sohn Heinr. Friedr. Karl Borcherdt weitergeführt. Später aber ist sie vom Förster Siemens vom Brunsleberfeld ersteigert worden.

Auszug Räbker Chronik

Die Amtsmahlmühle ist die zweite Mühle „von oben“. Sie ist seit Sommer 2017 im Besitz von Dag Roleff. Mit vertretbaren Änderungen wird der Bericht hier dargestellt.

Oberhalb der Schenkenwiese liegen die beiden später erbauten Räbker Obermühlen. Auch hier liegt das gleiche Prinzip der Wasserversorgung für den Mühlenbetrieb vor wie bei der besprochenen Mönchsmühle. Direkt unterhalb der Mühlen verlief die Schunter, von der ein kurzer Mühlengraben oberhalb der Mühlen abgezweigt wurde um dann wieder in den Schunterlauf einzumünden, etwa dort, wo heute die beiden kleinen Teiche sind.

Amtsmahlmühle Südansicht (Foto Röhr)

Dem Dorf zunächst liegt die ehemalige Amtsmühle, auch Köhlers-Mühle, oder Deneckens-Mühle nach ihrem jeweiligen Besitzer genannt, am Mühlenweg 130, mit der ASS-Nr. 93.

Diese obere Amtsmühle stellte in der Mitte des 20. Jahrhunderts ihren Mühlenbetrieb ein. Ende der sechziger Jahre wurden das marode Wasserrad und die Subsysteme entfernt. Noch in den zwanziger Jahren drehte sich das Mühlenrad als eine einfache Schrotmühle. Hierzu erzählte uns Rudi Kirchhoff die folgende kleine Geschichte über Herrn Willi Götsch, der sie ihm selbst so erzählte, geschehen in der Mühle von Hermann Denecke (Amtsmühle), etwa um 1918/1919.

Damals war Willi Götsch vier Jahre alt, und seine Oma hat die Rüben auf dem der Mühle gegenüber gelegenen Anger gehackt. Der damalige Müller Köhler gab nachher an, er sei gerade bei der Reparatur der Mühle gewesen, und darum hatte er den Schutz vom Mühlenrad entfernt. Die Oma hörte den kleinen Willi schreien, er war dem Mühlenrad zu nahe gekommen und im Wasser vom laufenden Mühlenrad erfasst und gegen die Wandung gequetscht worden. Es war eine oberschlächtige Mühle und die Welle war aus einem Eichen- oder Buchenstamm gefertigt und mit einem Stahlring gegen ein Aufspalten gefasst. Die Welle war auf einem gemauerten Wellenbock in einfachen Katzensteinen gelagert.
Die Oma konnte das schreiende Kind retten, aber ein Bein musste ihm abgenommen werden. Rudi Kirchhoff selbst erinnert sich, dass auch er das Rad freilaufend ohne Schutz in Erinnerung hat, ohne sich seinerzeit über die damit verbundene Gefahr bewusst gewesen zu sein. Man konnte dort auch wie bei der Ölmühle Willecke Forellen fangen.

Amtsmahlmühle (Foto Röhr)

Über diese obere „Warberger-Amtsmahlmühle“ sei hier noch Folgendes aus dem Erbenzinsregister, S. 192 angemerkt: Bedingt durch die Neugründung der Oberen Papiermühle (Ass-Nr.86 direkt vor der Haustür, von der Pächterin der am Schunterunterlauf gelegenen Mittleren Papiermühle (Ass-Nr.87) im Jahr 1708, begann bald Streit zwischen den Nachbarn wegen der Wassergerechtsamen. Auch der Wettbewerb der anderen Müller, die auf den drei Privatmühlen des Dorfes saßen, machte sich bemerklich. Zwar hatte die Amtsmühle das Vorrecht von zwei Gängen, aber die anderen Müller waren dazu übergegangen, den Leuten Korn und Mehl auf den Höfen abzuholen und anzuliefern, da sie als Reihebauern leicht Pferde halten konnten, der Amtsmahlmühle hingegen fehlte es an Eigenland. So durchbrachen sie die alte Gewohnheit der so genannten Tausch-Müllerei, nach der die Kunden selbst zur Mühle kamen, um Korn zu bringen und Mehl dafür entgegen zunehmen. Auch die üble Beschaffenheit des Mühlenweges, die die reguläre Bezeichnung „Schöningsche Heerstraße“ trägt, ließ die Lelmer ihr Korn lieber auf der neuen Kunststraße nach Königslutter fuhren, heißt es weiter im Erbenzinsregister. (Anm.: Die „neue Kunststraße“ ist die heutige Landesstraße L 641, die erst in der napoleonischen Zeit des Herzogtums Braunschweig entstanden ist).

Später, nach vielem Hin und Her, gewann schließlich diese Mühle gegenüber der Konkurrenz der drei anderen Mahlmühlen, auch gegenüber ihrer Nachbarin, der Oberen Papiermühle, sie blieb als einzige in Betrieb. Wie wir gesehen  haben, drehte sich ihr Rad noch in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts. Das genaue Datum der Betriebsaufgabe ist uns nicht bekannt.

Die Mönchsmühle – Hof Rosenblatt

Gekürzter Auszug Räbker Chronik

Die älteste bekannte Urkunde über einen bestimmten Hof in Räbke aus dem Urkundenbuch des Hochstiftes Halberstadt sagt aus, „1205 war der Platz für die Mühle vom Halberstädter Bischof Konrad den Marientaler Mönchen auf ihre Veranlassung zu übergeben.“ Sofort nach dem Erwerb wurde mit dem Mühlenbau begonnen.

Diese für ihre ausgeklügelten Wasserbau-Projekte bekannten Zisterzienser (weiße Mönche/Wassermönche) hatten durch eine Abzweigung der Schunter einen Mühlenkanal angelegt und schufen damit die Grundvoraussetzung für den Betrieb weiterer Mühlen im künftigen „Mühlendorf“ Räbke.

Die Mönchsmühle könnte die älteste Mühle in Räbke sein, da nach Recherchen des Räbker Heimatforschers Franz Löding die ebenfalls von Mönchen an diesem Mühlenkanal gegründeten Mühlen Prinzhorn und Liesebach in den Jahren 1228 und 1236 erbaut wurden.

Steht man vor der alten Mönchsmühle, so wird deutlich, dass das Dorf einstmals, ähnlich wie Warberg, auf der Abbruchkante des Elmrandes erbaut wurde. Hier aber, an dieser besonderen Stelle, schaut man dem alten Schunterlauf nach, hat sich seit der Vorzeit das Wasser seinen Weg tief in den Elmsandstein eingegraben, ein kleines Tal gebildet. Dann haben die Mönche den Schunterlauf auf der Höhenlinie entlang umgeleitet und so die Kraft des Wassers in einem Mühlengraben für ein dörfliches Leben segensreich werden lassen.

Die oberschlächtige Mahlmühle mit einem Gang war folglich eine Erbenzinsmühle und dem Kloster Marienthal vor Helmstedt abgabenpflichtig. Der Müller konnte die Mühle vererben, war aber lediglich Eigentümer des „umgehenden Zeugs“.

Nach J. Lehrmann: Frühe Müllernamen sind: 1613 Heinrich Müller, 1646 Jacob Biermann, Ernst Wanschape, 1704 dessen Sohn Henrich Wanschape. Letzterer hatte ebenfalls die alte Obermühle (Amts-Mahlmühle) als Erbenzinsmühle inne und wird entsprechend bei seinem Tod am 04.06.1712 (77 J. alt) als „Erbmüller zu Räbke“ bezeichnet. (Lehrmann, S. 160). Weitere Beständer: Ca. 1715-34 Johann Wahnschapen, 1820 Reddeke. Gem. Räbker Chronik:

Mönchsmühle, heute Mühle Rosenblatt

Die Mühle war eine starke Konkurrenz zur Mühle der Warberger Herrschaft. 1902 wird sie durch Kauf Eigentum von Wilhelm Vahldiek. Beim Verkauf wird das Land abgegeben, so dass seitdem der Hof ein Anbauerwesen ist. Der Mühlenbetrieb wurde eingestellt.

Da, wo heute die Schunter die Hauptstraße unterquert, war vor noch nicht so viel vergangener Zeit auch ein wichtiger Platz für das dörfliche Leben. Vor der Mühle war die obere Pferdeschwemme; heute ist dort die landwirtschaftliche Wasserzapfstelle.

Die heutigen Eigentümer, Familie Rosenblatt, berichten uns Folgendes:

Mühlengraben Mönchsmühle, heute zugeschüttet

Der Großvater, Sattlermeister Wilhelm Vahldiek, und seine Frau Etta, geb. Wagner, haben das Grundstück 1902 vom damaligen Besitzer Bertram erworben, daher rührt auch der Name Bertrams-Mühle. Seit dieser Zeit war in der alten Mühle eine Sattler- und Polsterei. Damals ging man noch von außen in den zur Straße hin gelegenen Vorbau in die Werkstatt. Sattlermeister Vahldiek beschäftigte immer einen oder zwei Lehrlinge. Im Nebenerwerb schrotete er Futterkorn  für die Kleinviehhalter mit dem Mühlwerk. Er kaufte dann auch eine Häckselmaschine, die ebenfalls von der Wassermühle angetrieben wurde, und er häckselte damit für Lohn den Bauern das Stroh. Die Bauern kamen aus dem Dorf, aber auch aus Frellstedt und Süpplingen. Willhelm und Etta Vahldiek hatten eine Tochter, Hildegard, die den Landwirt Heinrich Angerstein heiratete, der auf dem Angersteinschen Hof an der Breiten Straße wirtschaftete. Als im Jahr 1935 Randsiedlungsland von der Burg Warberg aufgeteilt wurde, konnte der Mühlenhof durch Stallumbauten wieder zu einem landwirtschaftlichen Betrieb gemacht werden, mit Milchkühen, Schweinen und Mastvieh. Im Nebenerwerb wurde noch Langholz gefahren, unter anderem für das Sägewerk Beckmann und zum Frellstedter Bahnhof. Gewirtschaftet wurde mit 4 Pferden. Die Hofgröße betrug damals etwa 11 Hektar.

Die Ölmühle

Auszug Räbker Chronik

Die Ölmühle ist mitten im Dorf gelegen. Die Hofeinfahrt erfolgt über die Schaperstraße. Der Mühlenteil ist von der Neiseckenstraße sehr gut erkennbar. Der Bericht wird mit leichten Änderungen hier abgedruckt.

Diese Mühle war die jüngste Mühlengründung im Dorf. Etwa zur gleichen Zeit bekam das Dorf auch seine beiden eigenen Backhäuser. Dies zeigt uns eine durchaus gute wirtschaftliche Situation in der Zeit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Über die Mühle Schaperstraße 112 (Ass.-Nr. 13) ist uns aus dem Erbenzinsregister folgendes bekannt: Im Jahre 1613 wird uns als Eigentümer Heinrich Hoffmann genannt, unter anderem dann auch Wanschapen.

In den Jahren 1683 und auch noch 1726 war auf dem Hof eine Bock-Windmühle. Diese Bockmühle ist aus einer Schleifmühle hervorgegangen. 1741, aber wohl schon früher, ist eine Wassermühle an ihrer Stelle in Betrieb gewesen. Etwa ab 1725 wurde aus der Bockmühle eine Ölmühle gemacht. Der Besitzer hatte ursprünglich das alleinige Recht des Ölschlagens. Ergänzung von J. Lehrmann: Der „Oelschläger“ Andreas Wahnschaffe (Eigentümer der Mittl. Papiermühle) hatte sie 1741ff. inne. Er prozessierte 1774 gegen die Anlegung einer Ölmühle durch den Oberamtmann Wahnschaffe in der ehem. Fürstlichen Papiermühle sowie gegen die Einrichtung eines Ölgangs auf der ehem. Obermühle. Dennoch wird es dabei nicht geblieben sein, denn Friedrich Knoll weist in seiner „Topographie des Herzogtums Braunschweig“ (1897, S. 1649) für Räbke an der Schunter nicht weniger denn 10 Mühlen auf, nämlich fünf Mahl-, vier Oel- und eine Senfmühle. Es werden hier die Mahl- und Ölgänge separat gezählt worden sein. Andreas Wahnschaffe wird 1735 übrigens auch als Walkmüller bezeichnet.

An Stelle der bisherigen Mühle wurde 1859 die heutige „Willecke“ gebaut.

Im Jahre 1900 wurde auf das Recht des Ölschlagens verzichtet.

1908 kam die Mühle in den Besitz der Familie Willecke“. Die Familie Willecke hatte 1908 ihren Hof in der Schulstraße, ASS-Nr. 47 (heute Nr. 81/Dr. Stefan Miersch) verkauft. Der Großvater von Heinrich Willecke, er hieß gleichfalls Heinrich, kaufte nun 1908 die Mühle an der Schaperstraße, ASS-Nr. 13.

Der Ölmühlenbetrieb dauerte von 1917 bis 1923, und das Öl der Ölmühle wurde damals literweise abgegeben, entsprechend der Anlieferung der Ölsaaten aus Mohn, Leinen, Raps und Bucheckern. Die Ölsaaten wurden von den Bauern aus Räbke und der näheren Umgebung geliefert, erinnert sich Heinrich Willecke an diese Zeit seiner Jugend.

Die Mühle wurde dann ab 1924 zum Schroten und Häckselschneiden genutzt bis in den Anfang des Krieges hinein. 1964 wurde dem Mühlenhof die „Gerechtsame“ aberkannt, das heißt, die Rechte und Pflichten, die aus dem Unterhalt des Mühlengrabens von der Brücke an der Krugstraße bis zur Breiten Straße entstanden, diese sind durch die Niedersächsische Regierung in die Allgemeinheit übergegangen durch einen Gesetzesbeschluss. Dagegen vorzugehen, hat sich Heinrich Willecke versagt, um den Kosten und Ausgaben zu entgehen, die auf ihn zukommen würden, wie ihm seitens der Regierung gesagt wurde, es wäre für ihn besser, davon die Finger zu lassen.

Zeichnung Rudolf Homann

Die Mühlenbesitzer hatten bis dahin die Seitenbefestigungen zu unterhalten, also auszuschlämmen. Da, wo heute der kleine Wasserfall ist, war früher der Kolk mit dem Wasserrad, den hatte noch sein Vater mit Sandsteinen ausgestellt, die nun zerschlagen werden mussten, weil die Gemeinde darauf bestanden hatte, den Mühlengraben an dieser Stelle jetzt 30 cm tiefer zu legen. Vorher war es für den Betrieb einer Mühle notwendig gewesen, dass das Wasser von oben her ein bisschen schob, hier konnte vorgestaut werden und die letzten 30 m bekam das Wasser dann ein bisschen mehr Schuss und hatte so am Wasserrad selbst mehr Druck. Das Wasserrad hatte eine Leistung von etwa 6 PS und damit wurde geschrotet und gehäckselt und Öl geschlagen.

Oberhalb des Wasserrades befand sich ein Wehr, das etwa 1950/52 erneuert werden musste. Damals musste noch an die anderen Anliegermühlen ein entsprechender Betriebsausfall gezahlt werden, wenn ein Wehr wieder zementiert wurde. Das Wasser war durch das Wehr auf gut 80 cm Tiefe angestaut, heute ist auch dieses Wehr verschwunden. Als Kind ist Heinrich Willecke einmal am Wehr ins Wasser gefallen, und wie er sagte, konnte er darin richtig schwimmen. Über diese Stelle gibt es auch eine kleine Geschichte, die uns von Walter Homann erzählt worden ist: „Als Kind hatte er hier einmal mit einem Korb vier Forellen gefangen und auf die Böschung gelegt, als ein Alt-Geselle aus der alten Tischlerei Weibusch vorbeikam und sich von den vier Forellen drei nahm mit den Worten, wenn er etwas dagegen habe, würde er dem alten Willecke Bescheid sagen. Da Walter im Wasser stand und sein Gegenüber auch viel größer gewesen war, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit wenigstens einer Forelle zufriedenzugeben.“ Woraus auch zu ersehen ist, dass sogar die Fische im Mühlengraben zur Mühle gehörten.

Vom Wehr her floss das Wasser auf zwei Holzschienen zum Wasserrad, und wenn das Wehr gezogen war auf dem Schütt über dem Wasserrad, das auf diese Weise oberschlächtig angetrieben wurde. Auf der zweiten Schiene floss das Wasser an dem Wasserrad vorbei. Wurde das Mühlenrad abgestellt, floss alles Wasser auf der zweiten Schiene. Vor dem Wehr, auf dem Dreieck an der Abzweigung der Schunter vom Mühlengraben an der Krugstraße, waren sechs Eschen gepflanzt worden, so hat es ihm sein Vater erzählt. Sechs Stück für die Mühlen im Dorf, nicht für die Senfmühle, die nicht zu den Dorfmühlen gezählt wurde, da sie außerhalb des Dorfes stand, am Unterlauf der Schunter. Die Eschen sollten dazu verwendet werden, bei Bedarf neue Wellen in die Wasserräder einzubauen, die ja eine große Achse haben mussten.

Kollergang der Ölmühle (seit ca. 19070 im Mühlenmuseum Gifhorn)

Dann wurde das Öl mit Wasserkraft herausgedrückt. Dies geschah in einer großen Vorrichtung, in der zwischen vier Säulen ein Kolben das Gut in einem Kübel zusammenpresste. Es war dies ein doppelwandiger Kübel, dessen innere Wandung durchlöchert war, in diesem drückte der Kolben auf eine auf das Gut gelegte ca. 1 cm starke Stahlplatte. Das Gut befand sich zwischen der oberen und einer unteren Stahlplatte in zwei starken Gewebebahnen, den Segeln. Durch den Druck lief das Öl nun in die untergeschobene große Pfanne und von dort in den Topf. Die Druckübertragung erfolgte durch eine von dem Wasserrad angetriebene Wasserpumpe. Nach dem Pressen kam der Topf auf ein Gestell, dessen Unterseite offen war, und nachdem die Stahlplatten und das Segel entfernt worden waren, wurde der Ölkuchen herausgeschlagen und in einem kleinen Brecher gebrochen. Der Ölkuchen wurde dann als Kraftfutter an die Kühe und Pferde verfüttert. Diese Presse ist nachher nach Königslutter zum Landmaschinenhandel Pistorius gekommen, der damit Stahl gedrückt hat. Der Kollergang wurde in den sechziger Jahren an das Mühlenmuseum in Gifhorn gegeben.

Mühle Liesebach

Mühle Liesebach (Luftbild 1965)

Ein Luftbild aus dem Jahr 1965 zeigt  sehr interessante Details. So sieht man z. B. den noch vorhandenen Erker im Mühlentrakt, der bei einer späteren Dachumbaumaßnahme nicht wieder hergestellt wurde. Dieser Dachvorsprung war vor allem für den Fahrstuhlbetrieb erforderlich.

Gut zu erkennen sind auch die noch vorhandenen Oberleitungen, die direkt in das Mühlengebäude führen. Ebenfalls kein Wunder, denn in wasserarmen Zeiten erfolgte der Antrieb der Subsysteme mit drei Elektromotoren mit einer Gesamtleistungsaufnahme von ca. 16 PS = 10,76 kW.

Auszug aus dem Band „Niedersächsische Mühlengeschichte“ zur Wassermühle Liesebach

Wilhelm Kleeberg hat in seinem Band mit obiger Bezeichnung alle Mühlen unseres Bundeslandes vorgestellt. Zur Wassermühle Liesebach schreibt er auf S. 387:
Als nächstes kommt die Wassermühle Richard Liesegang (Nachname falsch, es muss natürlich Liesebach heißen), die vorher im Besitz der Familie Raddecke-Dormann gewesen ist und seit 1955 stilliegt. Nach den von Fr. Wittkopp, Celle, angestellten Nachforschungen in Kirchenbüchern hat am 29. Mai 1864 der aus der Wassermühle Heinsen (Kr. Hameln-Pyrmont) stammende Müller Hermann Dormann die Tochter des Räbker Müllermeisters Ernst Ludwig Raddecke geheiratet. Auch diese Mühle hat noch ein oberschlächtiges Wasserrad von vier Meter Durchmesser und arbeitete zuletzt mit vier Walzenstühlen. Sie könnte die älteste Räpker Wassermühle sein, denn sie wird urkundlich als eine am 14. September 1236 in Betrieb genommene Erbenzinsmühle* des Klosters St. Ludgeri in Helmstedt bezeichnet.“

* Erbenzinsmühle: Die Mühle wurde dem Müller zur Nutzung auf Lebenszeit und zur Weitervererbung im Untereigentum gegen Erbzins überlassen. Das Obereigentum verblieb beim Grundherren, also dem Kloster St. Ludgeri Helmstedt.

Luftbild des Gruppendenkmals Sommer 2009

Mühle Liesebach (Luftbild 2009)

Die Mühlenanlage Liesebach wurde in den Jahren 1998 bis 2005 im Rahmen des Dorferneuerungsprogramms aufwendig saniert. Sämtliche Dächer, ein Großteil der Türen, die Hofeinfahrt und weitere wichtige Teilbereiche wurden dabei unter Beachtung des Denkmalschutzes erneuert.

Im Frühjahr 2008 begann die Instandsetzung der Mühlentechnik.

Mühlenstandort seit 1236

Die heutige Wassermühle wurde am 14. September 1236 als Erbenzinsmühle des Klosters St. Ludgeri in Betrieb genommen. Sie stellt damit eine der ältesten Mühlen des Dorfes Räbke dar.

Unter ihren Betreibern sei der potente und von weiteren Räbker (und Frellstedter) Mühlen her bekannte Johann Friedrich Wahnschape genannt. Er verpachtete die Mühle (Ass.-Nr. 36) 1741 an Hans Schönduve (Lehrmann, S. 229).

Ursprünglich wurde sie mit nur einem Mahlgang betrieben. Diese Technik blieb bis 1864 annähernd unverändert. Zu dieser Zeit wurde die Mühle erheblich verbessert. Über ein gusseisernes Getriebe betrieb das oberschlächtige Wasserrad fortan zwei Mahlgänge.

Im Jahre 1905 kaufte der Müller Franz Liesebach die Wassermühle. Gleich nach der Übernahme ließ der neue Besitzer die Mühlentechnik aufwändig erneuern. Den Kern der Veränderung stellten ein neues Wasserrad aus Stahl (Durchmesser 3,65 m,
Breite 1,25 m, 42 Schaufeln), zwei Walzenstühle, Elevatoren und neuzeitliche Sicht- und Reinigungsmaschinen dar.

1937 erfolgte eine nochmalige Modernisierung durch die Helmstedter Mühlenbaufirma Nickel. Mit hoher Wahrscheinlichkeit erfolgt zu diesem Zeitpunkt auch der Einbau eines elektrischen Hilfsantriebs zur Unterstützung der Wasserkraft mit einer Leistung von 7,5 kW.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte durch den Sohn des Käufers der letzte Umbau. 1948 baute Richard Liesebach einen weiteren Walzenstuhl ein. Elevatoren wurden aufgearbeitet, zwei weitere Elektromotoren glichen die unzureichende Wasserkraft aus.

Zu Beginn der 50iger Jahre des letzten Jahrhunderts hatte Richard Liesebach noch einige Großkunden. Bäckereien in der unmittelbaren Umgebung wurden mit Pferd und Wagen beliefert, das Weizen-Auszugsmehl „Elmgold“ erfreute sich großer Beliebtheit.

Doch zeigten sich bald an den Baugruppen der Systeme Verschleißerscheinungen. Ende des Jahres 1954 stellte Richard Liesebach den Betrieb ein, er war zu diesem Zeitpunkt 54 Jahre alt.

Im Gegensatz zu allen anderen Räbker Wassermühlen hat Richard Liesebach den Zustand fast unverändert bestehen lassen. Es gab lediglich bauliche Veränderungen am Dachstuhl und den Verkauf einer Mehlmischmaschine, alle anderen Subsysteme sind im Originalzustand vorhanden.

Mühle Liesebach April 2015 (Foto M. Liebing)

Richard Liesebach starb im Jahr 1997 im Alter von 96 Lebensjahren. Seine zweite Ehefrau Hermine Liesebach, der die Restaurierung seit 2008 zu verdanken ist, starb am 5. Januar 2021 infolge einer Corona-Infektion im Alter von 99 Jahren.

 

 

Mühle Prinzhorn – heute Jensen

Auch diese Mühle wurde gemäß den Recherchen des Heimatforschers Franz Löding (1903 bis 1937 Lehrer in Räbke) dereinst von Mönchen erbaut: Benediktiner des Helmstedter Klosters St. Ludgeri errichteten sie im Jahr 1228.

Wie die „Mönchsmühle“ und die Mühle Liesebach wurde auch diese Wassermühle an jenem Mühlenkanal errichtet, den zu Beginn des 13. Jahrhunderts die Zisterzienser-Mönche des Klosters Mariental zu Helmstedt angelegt hatten – alle drei sind wohl die nachweislich ältesten des Dorfes.

Gemäß Joachim Lehrmann: Diese Mahlmühle Ass.-Nr. 87 lag gleich unter dem Ort, nach Frellstedt hin. Sie hatte zuletzt ein oberschlächtiges Wasserrad von 5m Durchmesser.

Das Erbregister von 1613 weist aus, dass die weiter unten liegende Mittelmühle zwischen Georg/Jürgen Saßen (auch 1663 u. 1667) Mühle und Hansen Wanschapen Mühle (Frellstedt, Ass. 1/Herrenmühle) lag. Sasse, aus alter hiesiger Müller-Dynastie, besaß diese „Erbenzinsmühle mit einem Gang“. Ihm folgten Hanß und ca. 1715 Andreas Sasse.

1719 ist Johann Friedrich Wahnschaffe hier Mahlmüller – bis er diese 1738 für sechs Jahre an Hans Schönduve verpachtet (21 Alt 967). Beide sind Teilnehmer am „Mühlenkrieg“ gegen die Obere Papiermühle. Und da ihm die Mühle benachbart liegt, verwaltet er auch die Mittlere Papiermühle nach dem frühen Tod seines Vetters Wilhelm Friedrich Wahnschaffe 1725-34.  1735 gibt Wahnschaffe als Sicherheit für eine Obligation seine „in Räbke belegene Erb-Mühle“ sowie seine in Frellstedt liegende Junkern-Mühle derer von Hoym (2. von oben – Ass.-Nr. 3) als Sicherheit an (Lehrmann, 158, 160). Übrigens kauft er auch noch 1747 die Frellstedter Obermühle Ass.-Nr. 1 von seinem Vetter, dem nachmaligen Drosten und vielfachen Domänen- und Rittergutsbesitzer Georg Wilhelm Wahnschaffe (ebenfalls Enkel des Ernst/Lehrmann, 160). 1780 wird die Mahlmühle des Ludewig Wahnschaffe an Heinrich Ernst Danehl verkauft. Joh. Hennig Schaper ist Nachfolger. 1845: Müllermeister Joh. Friedr. Christoph Jürgens.

Der ehemalige Räbker Bürger Alwin Reichardt berichtete über die Mühle Prinzhorn im Jahre 2005.Eine Kurzfassung wird hier wiedergegeben.

Mühle Prinzhorn, heute Mühle Jensen (Zeichnung Rudolf Homann)

Wenn ich mich nun auch überwiegend auf die Prinzhornsche Mühle beziehe, so ging es in den anderen Wassermühlen doch fast genauso zu. Alle Räbker Wasseräder arbeiteten oberschlächtig. Diese Wasserführung war möglich, weil die Schunter innerhalb Räbkes ein großes Gefälle besaß.

Fast überall war das Wohnhaus und die Mühle ein gemeinsamer Komplex, manchmal riesig groß, wenn man sich z. B. den Mühlenhof des Bauern Lampe anschaut, der einem Gutshaus oder gar einem kleinen Schloss nicht unähnlich sieht.

Wenn der Müller sein Wasserrad stilllegen wollte, sei es wegen einer Reparatur oder dem Reinigen des Zulaufes, so gab es dafür dann noch einen Nebenlauf, dem so genannten Umflutgraben, welcher an der Mühle vorbeiführte und in der Regel auch etwas tiefer lag.

Das Mühlengebäude selbst bestand überwiegend aus drei oder vier Etagen. In dem Dachgebälk war die Winde für den Fahrstuhl untergebracht. Der gesamte Komplex der Mühle löste in mir eine unheimliche Empfindung aus, es war für mich eine fast unerklärliche Technik. Alles funktionierte phantastisch.

So drehten sich dort große Räder vertikal und horizontal, große Holzzähne griffen genau ineinander. Im hinteren Teil der Mühle führte eine kleine Tür zu dem Wasserrad und der darüber fließenden Schunter. Es war alles so groß und gewaltig, dass man diese „Maschinerie“ beim ersten Erleben nicht begreifen konnte.

Schalteinrichtung Mühle Prinzhorn (Foto Röhr)

Dazu kam noch das Rauschen des Wassers und drinnen in der Mühle das Gekrächze der vielen Räder, die sich behäbig drehten. Eine Etage höher befand sich die Abfüll-Vorrichtung für das Mahlgut, also für Mehl, Schrot und Kleie. Im ganzen Raum lag stets eine leichte Wolke des feinen Mehlstaubes.

In der darüberliegenden Etage waren die Einfülltrichter für das Getreide, welches dann auf die sich drehenden Mahlsteine rieselte, wo es dann zerquetscht und gemahlen wurde.

Innerhalb dieser aus Holz gefertigten großen Trichter befand sich eine Glocke, welche an einem gebogenen Stahlband befestigt war. Da sich der Trichter schüttelnd hin- und her bewegte, begann diese Glocke zu bimmeln, sobald das abwärts rieselnde Getreide das Geläut freigab. Dieses war für den Müller das Zeichen, dass er wieder Korn nachschütten musste.

Am interessantesten fand ich natürlich den Fahrstuhl. Dieser war in seiner Abmessung nur etwa einen Quadratmeter groß, Platz hatte nur der Müller und ein Sack Getreide bzw. Mehl. Innerhalb des Fahrbereiches hing ein dickes Tau von ganz oben herab. Zog der Müller kräftig an diesem Tau, dann fuhr dieser Fahrstuhl nach oben, zog er nur schwach, ging es langsam abwärts. Und das alles mit der Kraft des Wassers.

Bedauernswerter Weise ist aber die Gesundheit des Müllers durch den täglichen Mehlstaub sehr in Mitleidenschaft gezogen. Besonders der Lunge machte dieser Staub zu schaffen. So hatten fast alle Müller nach Jahren der Tätigkeit eine Staublunge.

Auch rund um die Mühle gab es für den Müller viel Arbeit. So musste immer wieder das Grundstück instand gehalten werden. Auch das Pferd bzw. die Pferde mussten versorgt werden. Und selbst in der Mühle gab es neben dem Mahlbetrieb viel zu tun. So schärfte Müller Prinzhorn seine Mahlsteine selbst in mühevoller Feinarbeit, wenn die Rillen der Steine abgeschliffen waren. Mit einem Meißen und einem schweren Hammer wurden dann diese schlangenförmigen Rillen nachgearbeitet.

Die Mittelmühle / Mittlere Papiermühle

Anm.: Der Name bezieht sich auf die Herrschaft Warberg

Auszug aus den Publikationen
von Joachim Lehrmann (s. u.)

Vom alten Osterfeuerplatz am Holmestein fließt in gerader Richtung nach Osten ein Mühlengraben zur  Mittleren Papiermühle, Nr. 87. „Auf diesem Platz hat im 16. Jahrhundert bereits eine herrschaftliche Pacht-Mahlmühle gestanden; wie lange schon, ist unbekannt.

1594 jedoch hat der Edelherr Anton von Warberg sie an den Helmstedter Patrizier und Buchhändler Hermann Brandes verkauft, und zwar „zu Behuf (Zweck) und Förderung der hochlöblichen Julius-Uniuersitet“! Denn Helmstedt war für längere Zeit der einzige Standort einer Universität in diesem Lande, und Brandes fungierte auch als Mäzen der Universität und speziell der herzoglichen Buchdruckerei.

Hofeinfahrt Mittelmühle (Zeichung Rudolf Homann)

Und aufgrund ihrer im Jahr 1576 in modernem protestantischem Zeitgeist erfolgten Gründung entwickelte sie sich rasch zur drittgrößten Hochschule im Reich. Entsprechend angesehene Professoren publizierten hier auf der von Herzog Julius eingerichteten Universitätsdruckerei des angesehenen „Typographus“ und Meisters des Holzschnitts Jacob Lucius d. J.

https://de.wikipedia.org/wiki/Jacob_Lucius_der_J%C3%BCngere

ihre zahlreichen Werke. Hieraus resultierte ein zunehmender Ausbau der Druckerei wie auch ein stetig wachsender Papierbedarf. Zwar war es seitens der Fürstlichen Kammer vorgesehen, dass die Herzogliche Papiermühle zu Oker am Harz das für die Alma-Julia erforderliche Papier bereitzustellen habe, doch die war angesichts dieser Aufgabe recht bald überfordert – zumal sie auch den fürstlichen Amtsstuben gegenüber verpflichtet war.

Als der Welfenuniversität buchstäblich das Papier ausging, sah sich Hermann Brandes – als Buchhändler all der angesprochenen Publikationen durchaus im eigenen Interesse – genötigt, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Folglich gründete er im Jahre 1594 in der Nähe Helmstedts am Elm, an der damals wasserreichen Schunter, das erste Räbker Papiergewerk, und zwar die Mittelmühle, ca. einen Kilometer unterhalb des Dorfes nach Frellstedt hin gelegen. Indem er dieses Gewerk für seine Zwecke umbaute, hat er Räbke die erste Papiermühle gegeben und ein Gewerbe, das zu großer Blüte gelangen sollte. Damit hat er sich ein Verdienst um den Ort erworben, das ihm nicht vergessen werden darf, wie ein früherer Chronist zu Räbkes Papiermühlen resümiert.

Brandes agierte allerdings ganz nach Art eines städtischen Großunternehmers, der zudem in zahlreichen Gewerben zu Hause war. So hat er den Ort neben der Papiermühle bald mit weiteren Gewerken versehen. Darunter befanden sich eine Mahlmühle, eine „Bookemühle“ zur Flachsaufbereitung, eine Lohmühle mit angeschlossener Gerberei, Häuser für die angesiedelten Handwerker wie Schuster, Schneider etc., sowie eine öffentliche Schenke. Dabei sei all dies „wie ein kleinß Städtgen“ anzusehen gewesen.

Wappen Familie Brandes, 1616

Der zu erwartende Dank kam bei Brandes nicht so recht an, denn der Herrschaft standen derartige „Strukturverbesserungen des ländlichen Raumes“ (wie wir dies heute nennen würden) „diametro zuwider“ und es entspann sich ein regelrechter Mühlenkrieg. https://de.wikipedia.org/wiki/Brandes_(Familie)

Dabei ging es hoch her. Wir hören von „Uffwigelung und Rebellion“, von „Vergewaltig- und Verbrechungen“, der Pastor wetterte „unter der Predigt“ gegen Brandes. Dessen Leute wurden von den Warberger Vögten gejagt, Schüsse fielen… Es ging um die „Abgrabung des Wassers“, die „Abhängung der Mühlenräder“, um „durchbrochene Planken“, und schließlich hören wir von der Ersteigung des Brandesschen Hofes „bey finster-nächtlicher Zeit“… Dieser Kleinkrieg wurde bis zur bitteren Neige bzw. bis hin zur „Einreißung der newen Gebew“ (… neuen Gebäude) geführt und beschäftigte noch lange die Gerichte.

Dennoch ging es in dem Prozess am wenigsten um die Papiermühle selbst, denn die stand von Anfang an unter hoheitlichem Schutz. Als ein Vertrauensbeweis seitens der Fürstlichen Kammer ist es vielmehr anzusehen, dass die Räbker Papierproduktionsstätte jahrelang in fürstlichem Auftrag das Papier zu den seit 1607 in Helmstedt gedruckten Braunschweigischen Historischen Handlungen des Professors und Historiographen Henricus Meibom lieferte – ein Mammutwerk von vier Bänden und ca. 6.000 Seiten.

Im Jahr 1609 ging von Räbke die Folgegründung einer Papiermühle aus, nämlich zu Salzdahlum. Auch hier stand Hermann Brandes als Finanzier im Hintergrund.

Kennt man erst einmal das Familienwappen der Brandes, so findet man es nicht nur zweimal am Fuß der 1590 von Mante Pelking gegossenen imposanten Bronzetaufe in St. Stephani zu Helmstedt und in der Architektur der Stadt (s. Lehrmann), sondern in den verschiedensten Ausgestaltungen auch als Wasserzeichen in den Warberger Akten als Existenznachweis dieses ersten Räbker Papiergewerks (Abb. bei Lehrmann).

Der Neubeginn nach dem
Dreißigjährigen Kriege

Als ein Gehöft in Einzellage musste die im Kriege desolat gewordene Mühle offenbar sogar abgetragen werden, um marodierender Soldateska und Räuberbanden keinen Unterschlupf zu bieten.

Dann aber war es der Räbker Ernst Wanschape (Wahnschaffe), der im Jahre 1676 den „wüsten Mühlenplatz“ von den Brandesschen Erben kaufte und der Papiermühle schließlich die Auferstehung brachte.

Auf der Mittelmühle folgten nun mehrere Wahnschaffe-Generationen, welche zumeist andere  Mühlen-Gewerke betrieben, die Mittelmühle aber weiter ausbauten und diese nach außen hin vertraten, während sie als Papiermacher verschiedene Meister dieses Fachs pachtweise einsetzten, etwa die Papiermacher Schöner, Kanebley, Göbel, Bergmann…

1686 erweiterte Ernsts Sohn Andreas Wahnschape, Ölmüller zu Räbke, das Gewerk um einen zweiten Wassergang. Die Mühle besaß jetzt zwei versetzt übereinanderstehende Wasserräder! Damit verdoppelte er die Zahl seiner Stampflöcher bzw. -tröge in nun zwei gewaltigen „Löcherbäumen“ zur Lumpenzerkleinerung auf deren acht, in denen 32 eisenbewehrte „Stampen“ (Stirnhämmer) klickten und dröhnten.

Luftbild Mühle Lampe (Foto J. Lehrmann)

Der nun folgende Wilhelm Friedrich Wahnschape war selbst von der Profession. Er hatte das Unglück, dass ihm die Mühle mit all dem Seinigen um 1720 infolge Blitzschlags abbrannte. Doch er baute sie nicht nur wieder auf, sondern plante auch umfassende Verbesserungen, namentlich 1723 die ungemein frühe Anlage eines Holländer Werkes, das mit seiner Walze die Haderlumpen schneller und vollkommener zerkleinern konnte, als es die bis dahin gebrauchten Stampfgeschirre vermochten. So war mehr und feineres Papier zu liefern. Es ist dies der früheste Nachweis dieser wichtigsten Maschine in der Zeit der alten Hand-Papierverfertigung in „Niedersachsen“ – und einer der allerersten „Papier-Holländer“ in ganz Deutschland! Es war dies eine zukunftsweisende Technologie, die zu einer Revolution in der Zerkleinerungstechnik führen  sollte. Aber erst seinem Sohn Johann Georg gelang es 1749, die Genehmigung für diesen Umbau zu erlangen – auch dies erst nach heftigen Schwierigkeiten mit der Fürstl. Kammer, die, wie schon seinerzeit, die Konkurrenz ihrer eigenen Papiermühle in Räbke fürchtete.

Auf der Mittelmühle aber erfolgte nun die Herausbildung zur Manufaktur – mittels verschiedener fremdkraftbetriebener Maschinen und Apparate. Nach Vollendung dieser Neuerungen glaubte man, dass die Mühle der großen herrschaftlichen Papiermühle in Oker kaum nachstehe.

Johann Ernst Scharschmidt

1764 kaufte der schon erfahrene Johann Ernst Schaarschmidt, übrigens aus Plauen im Vogtland bürtig, diese Mühle. Nur drei Jahre darauf wurde er als einer der „führnehmsten Papiermacher“ des Landes bezeichnet, und zwar vom braunschweigschen Professor Justus Friedrich Wilhelm Zachariae, der   1767 im herzoglichen Auftrag zur „Hebung  der inländischen Papierfabrikation“ die Betriebsstätten bereist hatte.

https://de.wikipedia.org/wiki/Justus_Friedrich_Wilhelm_Zachariae

 Zachariae, vom Collegium Carolinum in Braunschweig (Vorläufer der Technischen Universität), musste den Räbker „rühmen“, dass er es verstehe, ein Papier zu bereiten, welches den hochwertigen sächsischen Erzeugnissen, den besten im deutschsprachigen Raum, gleichkomme – und dabei billiger sei und selbst dem holländischen in nichts nachstehe.

Einmal derart vom Professor gerühmt, war er denn auch (unter all den anderen Papiermüllern im Lande) auserkoren, mit dem Professor umfängliche technische Untersuchungen zur Qualitätsverbesserung der hiesigen Fabrikate durchzuführen. Die Einzelheiten mag man bei Lehrmann (s.u.) nachlesen. Vermutlich erklärt dies u.a. den beinahe legendären Aufstieg, den seine Fabrik tatsächlich erfuhr. Auch wurde Scharschmidt bei dieser Gelegenheit automatisch zu einem Pionier des Papierfachs im Herzogtum. Erwähnenswert aber ist infolge der vorherrschenden „Lumpennot“ die in Räbke stattgefundene Neuauflage der Schäfferschen Versuche, nämlich mit anderen „vegetabilischen“ Stoffen als den bisher unentbehrlichen weißen Leinen-Lumpen weißes Papier herzustellen – wie sie später durchaus auch von Goethe bewundert wurden.

Die etablierten Papiermühlen in Deutschland sperrten sich hingegen, nicht nur angesichts Schäffers gelben, braunen und selbst grünen Schöpfungen. https://de.wikipedia.org/wiki/Jacob_Christian_Sch%C3%A4ffer

Denn genauso wenig wie man aus Eisen Gold machen könne, sei es auch unmöglich, aus Holz Papier herzustellen, lautete es aus den Reihen der Fabrikanten. Ganz anders in Räbke! Hier fand eine Neuauflage der Versuche des Regensburger Pastors Schäffer statt. Mehr noch: hier wurden von Fachleuten Erprobungen mit durchaus aussichtsreichen Materialien wie der Wilden Karde (Weberdistel), Flachs, Hanf, Baumwolle und schließlich gar mit „Pappelweide“ bzw. dem „gemeinen Weidenbaum“ durchgeführt – also auch mit Holzarten! Diese Stoffe waren zukunftsweisend und haben gerade heute ihren Stellenwert in der Papierproduktion. Das kleine Räbke besetzt damit einen vordersten Platz in der großen Geschichte der weltweiten Papierhistorie auf dem Weg zum Holzpapier! (Näheres bei Lehrmann, s.u.)

Scharschmidts Alltag jedoch bestand aus Wechselschichten, wobei Tag und Nacht (bei Kerzenlicht!) gearbeitet wurde – als wenn er zwei Bütten hätte. Bald darauf spricht er von seiner „gedoppelten Mühle“ (zwei Bütten). Wir erleben hier die Anfänge der Industrie in neuzeitlichem Sinne.

Zweifellos zählte Scharschmidts Betrieb inzwischen zu den großen in Deutschland! So hatten von 111 preußischen Papiermühlen im Jahr 1803 gerade mal deren vier (incl. Scharschmidt!) zwei Bütten, und lediglich jener staatliche Großbetrieb zu Kröllwitz bei Halle wies als Ausnahme deren vier auf.

Insbesondere verbesserte er seine Verhältnisse durch die 1786 erfolgte Übernahme  der mittlerweile tatsächlich eingegangenen Herzoglichen Papiermühle am Herkling, die er, zwar zur Ölmühle umgebaut, vom Drosten Wahnschaffe erwarb. Ihren Graben warf er zu und legte das Gefälle hinauf zur Mittelmühle, wodurch der Graben sehr tief wurde. Doch wichtiger an dem Erwerb waren ihm neben der Ausschaltung einer erneut drohenden Konkurrenz insbesondere die an der ehemals Fürstlichen haftenden Privilegien wie der große Lumpensammelbezirk und die begehrte zweite Bütte.

Es folgte ca. 1800 Johann Wilhelm Scharschmidt. Wie sein Vater trat er als strategisch operierender Unternehmer auf und brachte 1813, mit dem Erwerb der Obermühle, das gesamte Räbker Papiergeschäft in seine Hand.

Zierrand-Wasserzeichen, ca. 1780)

Unter seinen Papieren sind jetzt Erzeugnisse auffällig, die seine Fabrik in der schönsten Form eines Zierrand-Papiers verlassen. Mit dem in Seitenmitte angeordneten Ortsnamen „RAEPKE B  HELMSTET“ machten sie den kleinen Ort weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Im Jahre 1830 allerdings hatte er eine Feuersbrunst verheerenden Ausmaßes zu erleiden, wobei auch ein Papiermachergeselle ums Leben kam. Nun führte er seine neuen Gebäude auch aus Materialien des im Abbruch befindlichen herzoglichen Jagdschlosses Langeleben  aus.

Sein insofern finanziell belasteter Sohn Ludwig Gustav führte seit 1834 noch mehr als dreißig Jahre einen Kampf gegen das unabwendbare Unheil. 1845 legte er die sog. Klappermühle als zusätzliches „Beigeschirr“ zur Lumpen-Vorzerkleinerung und zur Unterstützung der beiden Holländer an. 32 „Mannsleute“ nebst – wie ja auch in der Landwirtschaft üblich – den damals zahlreichen zugehörigen Familienmitgliedern, darunter 5-7 Gesellen und 4-5 Lehrlinge, wurden beschäftigt. Sechs Pferde deuten an, dass auch der Vertrieb bzw. Großhandel von Scharschmidt besorgt wurde. Es dürften insgesamt wohl an die 120 Personen gewesen sein, zumal auch die Lumpensammler den Fabriken zugeordnet wurden.

Dann jedoch zerstörte 1845 abermals ein Großbrand das Meiste – nach nur 15 Jahren.

Auch der Neubau erwies sich mit den neuen und teuren Maschinen aus Frankreich und einer aus der Schweiz auf dem teuren Landwege herangeschafften Papiermaschine als Fehlschlag. Es war eine der allerersten im Lande!

Bis dahin wurde auf der Mittelmühle an zwei Bütten, und zwar im Schichtbetrieb Tag und Nacht gearbeitet. Die Fabrik hatte jetzt drei Holländer, deren Antrieb durch zwei Wasserräder (hinzu kommt jenes vom Beigeschirr) und eine ebenfalls zu sehr frühem Zeitpunkt aufgestellte Dampfmaschine erfolgte.

Zu allem Unglück wurde Deutschland in jener Zeit mit billigem Papier aus dem besser technisierten westlichen Ausland überschwemmt…

Mittelmühle Januar 2021

Im Jahr 1867 wurde der Besitz versteigert. Das bedeutete aber auch das Ende der hiesigen Papierfabrikation. Zugleich erlosch damit eine jahrhundertealte Papiertradition, die dem kleinen Ort, verglichen mit Dörfern mit den üblichen überkommenen agrarisch-ländlichen Strukturen, zu einer eigenen und besonderen Geschichte verhalf und diesen weithin bekannt werden ließ. Die Mittelmühle hatte daran den entscheidenden Anteil.

Danach wurde in der Mühle Senf hergestellt. Zu diesem Zwecke erhielt sie zu Ende des 19. Jahrhunderts eine Dampfkesselanlage, die mit zwei hohen Schornsteinen das Dorfbild Räbkes veränderte.

Die Mittelmühle als Senfmühle

Gekürzter Bericht aus der Räbker Chronik
Verfasser Otmar Lampe

Die Vorgeschichte bis zum Jahr 1900 entnimmt der wirklich interessierte Leser dem ausführlich gehaltenen Buch „Geschichte der Papiermühlen zu Räbke“, Seite 141-181, geschrieben von J. Lehrmann. Ich setze voraus, daß jeder Heimatfreund und Ortshistoriker im Besitz dieser wertvollen Schrift ist.

Einer Eintragung im Militärpaß meines Großvaters Albert Lampe ist zu entnehmen, daß dieser, der zwei Jahre im Braunschweigischen Infanterie- Regiment Nr. 92 gedient hatte, sich pflichtgemäß am 16.II.00 beim zuständigen Bezirksfeldwebel meldete, um die Verlegung seines Wohnsitzes von Timmerlah nach Räbke anzuzeigen. Verursacherin dieses Ortswechsels war eine Tante des Großvaters, die, Besitzerin einer Konservenfabrik in Braunschweig, inzwischen verwitwet und sicher recht wohlhabend, meinen Großvater, damals 32 Jahre alt und frisch verheiratet, für ihren Plan gewinnen konnte.

Es war der Anblick eines seit langem vernachlässigten und verwahrlosten Resthofes. Der Stall uralt und baufällig, in der Mühle regnete es bis ins obere Stockwerk und das Hausdach war ebenfalls reparaturbedürftig. Diese Mängel wurden noch übertroffen von dem in drei Jahrzehnten erfolgten Verkauf großer Teile der dazugehörenden Ackerfläche. Die Familie des Kaufmanns Hugo Dien aus Schöningen, durch Kauf Nachfolger der Papiermüller-Familie Schaarschmidt geworden, hatte von der Substanz gelebt. (60 Jahre danach nannten erfolgreiche Politiker einen Vorgang wie diesen „Gesundschrumpfung“.)

Die erwähnten Mängel waren meinem Großvater selbstverständlich schon seit einer vorausgegangenen Besichtigung bekannt, die neue Wortschöpfung nicht. Jedenfalls machte er sich unverzagt an die Arbeit, beginnend mit der Instandsetzung einer Wohnung. Zimmer waren genügend vorhanden, denn die bisher noch im Haus lebende Frau Laura Dien war zu ihrer Tochter gezogen. Er nahm die Bestellung der ihm gebliebenen 25 Mrg. vor bzw. schickte den übernommenen Gespannführer aufs Feld.

Der Acker am Bärenwinkel war schon mehrere Jahre nicht bearbeitet worden und mit Brennesseln bewachsen, über die er gerade noch hinwegsehen konnte. Zwischenzeitlich mußte er mehrfach zurück nach Timmerlah um noch dort befindliches Inventar mit der Eisenbahn nach Frellstedt (Bahnhof) zu senden, so auch die Möbel. Auch Pferd und Ackerwagen nahmen mit einigen Fahrten am Umzug teil. Noch im ersten Räbker Jahr trafen meine Großmutter und mein Vater hier ein und in den folgenden Jahren wurde die Familie durch eine Schwester und zwei Brüder vergrößert.

Luftbild Mittelmühle 1965 (Foto Frau Lampe)

Nun ist noch die Mühle zu erwähnen, die auch auf ihre Wiederbelebung wartete. Von dieser Sache verstand mein Großvater gar nichts, vielleicht hatte er schon einmal das Innere einer Mühle gesehen, vielleicht auch nicht. Wie der Leser des am Anfang erwähnten Buches von Joachim Lehrmann weiß, hatte der 1886 verstorbene Hugo Dien die Papiermühle in eine Senfmühle verwandelt und die zur Herstellung von Senf erforderlichen Geräte und Einrichtungen beschafft und eingebaut, die noch viereinhalb Jahrzehnte ihrer Arbeit verrichten sollten, natürlich nicht im Schichtbetrieb, sondern jeweils nach Bedarf.

Der Großvater fand den erforderlichen Fachmann in Räbke: Friedrich Mosel, ein entfernter Verwandter der Laura Dien, hatte bereits für diese gearbeitet und zögerte nicht, sein Wissen und Können „einzubringen“ bzw. meinem Großvater zu vermitteln.

Somit lief die Produktion an. Eine Reihe von Abnehmern, „Tante Emma-Läden“ wie sie in heutiger Überheblichkeit genannt werden, war sicher noch vorhanden und neue Kundschaft, auch Großhändler, waren gewonnen. Der Verkauf von Tafelsenf erfolgte in Holzfässern unterschiedlicher Größe und die Auslieferung fand im Umkreis von etwa 15 km mit Pferd und Wagen statt.

Abnehmer in größerer Entfernung wurden mit der Eisenbahn beliefert. Bald wurde die Haltung eines dritten Pferdes unumgänglich, die nach und nach vergrößerte landwirtschaftliche Betriebsfläche brauchte das volle Gespann (d. h. zwei Pferde) wie auch die volle Mitarbeit der gesamten Familie.

Blick auf die Mittelmühle aus südostwärtiger Richtung

So lief nun der Betrieb über die folgenden Jahre weiter, 1914 wurde ein neuer Stall gebaut, dann kehrte mein Vater aus dem I. Weltkrieg zurück, heiratete, ich wurde geboren, Albert Lampe sen. setzte sich zur Ruhe, Albert  Lampe jun., mein Vater, übernahm 1936 unseren Hof, den später ich von 1964 bis 1993 bewirtschaftete.

Heute liegt der Hof und seine weitere Entwicklung in den Händen von Axel und Sandra Kanitz, meiner Tochter.

Durch Kauf und Pacht wurde bis heute eine Betriebsgröße von 74 Morgen erreicht, die Mühle jedoch im II. Weltkrieg stillgelegt.

 

Die Untermühle / Fürstliche Papiermühle

Auszug aus den Publikationen
von Joachim Lehrmann (s. u.)

Sie lag 20 Minuten unterhalb des Ortes, am „Herkling-Bergwald“, und wurde insofern auch Untermühle genannt. Heute ist sie nicht mehr vorhanden.

Aquarell-Zeichnung J. Lehrmann

Sie hat eine Vorgängerin gehabt, eine Sägemühle, auch Eigentum der Warberger Herrschaft, entweder von dieser selbst betrieben oder verpachtet. Aber diese war schon vor 1613, vielleicht schon vor 1600 abgebrannt. Wiederaufbaupläne kamen infolge des Kriegs nicht zur Ausführung.

Nachdem sich die Wahnschaffsche Mittelmühle nach dem großen Kriege als gewinnbringend erwiesen hatte, kam man seitens des Amtes Warberg auf den Gedanken, es auch hier mit dem Papiergewerbe zu versuchen. Die Herzogliche Kammer zu Wolfenbüttel war nicht abgeneigt. Also schritt man 1694 zum Bau dieser auch als Amts-Papiermühle bezeichneten weiteren Räbker Papier-Produktionsstätte.

Ihr erster Possessor war der erfahrene Meister Curdt Schöner, der einem alten Harzer Papiermachergeschlecht zu Wernigerode entstammte und zuvor auf der Wahnschaffschen Mittelmühle in Räbke gewirkt hatte. Wie üblich wurde er per Konzessionierungsvertrag verpflichtet, als Abgaben bestimmte Mengen und Sorten Papier (Naturalabgabe) an die Fürstliche Kammer nach Wolfenbüttel zu liefern. Ähnlich verhielt es sich mit Lieferungen an das Amt Warberg.

Von Schöner findet man fachgerecht fabrizierte Papiere in den Amtsakten, in welchen er das Familienwappen der Schöner, den sechsstrahligen Stern im gekrönten Schild, als Wasserzeichen verwendete. Bereits während der Schaffenszeit seines Sohnes zeigte sich indes, dass dieser Papiermühlenbau wohl nicht immer nur unter einem guten Stern stehen würde – ganz unabhängig davon, dass jener sein vorzeitiges Ende beim Sturz aus einer hohen Eiche fand.

Der Nachfolger war Johann Heinrich Franke – auch er aus alter Harzer Papiererfamilie. Das Amt sann sogleich über Verbesserungen der technischen Einrichtung nach, natürlich um bessere Erträge aus dem Betrieb zu erzielen. Aber Franke hatte das Unglück, einer großen Wasserflut zum Opfer zu fallen, wobei er erhebliche Schäden am Bauwerk, an vorrätigem Papier etc. erlitt. Zudem konnte er längere Zeit nicht arbeiten.

Johann Benjamin Borcherdt (Fürstliche Papiermühle)

Ganz passabel nahmen sich die Verhältnisse noch unter dem Pächter Johann Benjamin Borcherdt aus, geboren in Jeßnitz bei Bitterfeld, übrigens einem Bruder des Johann Christian Borcherdt von der Oberen.

Zu seinen Zeiten wurde 1746 auch endlich ein Papier-Holländer mit daran gehängtem Lumpenschneider installiert, mit eigenem Wasserrad. Die Mühle hatte also jetzt zwei Wasserräder und jenes am Beigeschirr. Auch versah Borcherdt seine ordentlich gearbeiteten Papiere tw. mit einem sehr aufwendigen und entsprechend „kostbaren“ Wasserzeichen – einem der schönsten in Räbke, welches in sehr ähnlicher Form auch auf der Oberen Verwendung fand und eben die Familienbande dokumentiert. Borcherdt war fleißig und profitierte von einigen Privilegien, mit welchen derart staatliche Mühlen den privaten gegenüber bevorzugt wurden, etwa bezüglich eines sehr großzügig bemessenen Lumpensammelbezirks!

Aber auch Borcherdt hatte von Anfang an mit Schwierigkeiten zu kämpfen, nicht zuletzt aufgrund der ungünstigen Standortwahl der Mühle, wo das Wasser nicht mehr so klar war. Auch lag sie an einem Nordhang des Herkling-Bergwaldes, wo sie bei Eis länger stillstehen musste, und wo die Papiere nicht so gut trockneten. Hinzu kamen die bei Pachtungen oft nachteiligen häufigen Besitzerwechsel. Zudem verschlechterte sich seine Lage noch infolge verschiedener Unglücksfälle. Nun erwachten auch seine „Creditores“ und plagten ihn täglich. Für Borcherdt hatte ein Teufelskreis begonnen, dem er schließlich erliegen musste. 1762 hatte er Mühe, die Mühle auch nur in Dach und Fach zu halten. Bald war er bestenfalls noch in der Lage, statt hochwertiger Papiere, nur Makulatur zu bereiten. Damit war das Ende abzusehen. Auch die Umwandlung der Mühle zur „Erbenzinsmühle“ vermochte den negativen Verlauf nicht aufzuhalten. Dem letzten Papiermacher, nachdem er 1773 aus der Mühle „herausgesetzt“ wurde, hat man noch die Betten weggenommen, um seine Schulden beim Bäcker bezahlen zu können …

1774 wurde die Papiermühle vom Drosten Wahnschaffe zu einer Ölmühle umgebaut… https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Wilhelm_Wahnschaffe

1786, nachdem sie größtenteils abgebrochen war, wurde sie an den Papiermacher Schaarschmidt von der Mittleren-Papiermühle verkauft (s. dort). Den Mühlengraben warf er zu und legte das Gefälle herauf zu seiner Mühle, so dass ihr Graben sehr tief wurde.

Die „Untere“ aber ist heute verschwunden. Alles dort ist Ackerland geworden, während früher der Elm bis hierher vorstieß. Eine Abbildung befindet sich noch in den Akten (bei Lehrmann).

„Kleines Dorf
mit großer Papiergeschichte“

Joachim Lehrmann, Autor wertvoller Publikationen über die Räbker Buch- u. Papiergeschichte stellt fest: „Bislang war ‚Niedersachsens Papiermacherdorf‘ – und mit nichts anderem haben wir es im Falle Räbkes zu tun – in der Technikgeschichte und Papierhistorie völlig unbekannt. Doch allmählich dringt die über eine lange Zeit herausragende Stellung unseres kleinen Mühlendorfes (das auch in diesem Aspekt einen vordersten Platz in Niedersachsen einnehmen dürfte – s.o.) innerhalb der Papiergeschichte dieses Bundeslandes auch in das Bewusstsein der einschlägigen Geschichtsschreibung.“

Ortsnamen-Wasserzeichen, ca. 1806

Zweifellos sind einige Premieren und Besonderheiten, die Papiermacher-Profession in Räbke betreffend, anzuführen: Wie Buch und Papier bzw. Schwarze- und Weiße Kunst zusammengehören, so beginnt dies sogleich mit der engen Verquickung dieses seinerzeit noch neuen Gewerbes mit der immensen Buchproduktion, betrieben an der Alma Mater Julia zu Helmstedt – einer damals reichsgeschichtlich bedeutenden Universität, und zwar in Verbindung mit der wirtschaftlich potenten und international agierenden Patrizier- und Buchhändlerfamilie Brandes!

Es folgt die Ära der in Wasserbauwerken überaus versierten Müllerdynastie der „Wanschapen“ und das erste Holländische Geschirr auf dem Boden „Niedersachsens“. Darüber hinaus sehen wir uns beeindruckt von den enormen Versicherungs- und sogar erzielten Verkaufssummen der Papiermühlen, die selbst mit Schlössern des Adels verglichen wurden (s. a.a.O.: Lehrmann).

Schließlich ist die besondere Konzentration und Leistungsfähigkeit dieses Gewerbezweiges im Standort Räbke zu konstatieren.

Die Profession hatte sich in der hiesigen Mittelmühle von Anfang an derart gut bewährt, dass es von dieser ausgehend zu einer ganzen Reihe von – wenngleich manchmal kriegsbedingt nur kurzlebigen – Folgegründungen kam: vor dem 30-jährigen Krieg zu Salzdahlum und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch nochmals zu Räbke. Nach dem Kriege folgten der neu gegründeten Mittelmühle deren zwei in Räbke sowie die nach Räbke hin gelegene Frellstedter Obermühle (Wahnschaffe).

Damit arbeitete zu Beginn des 18. Jahrhunderts hier die enorme Zahl von vier Papiermühlen. Nirgendwo in Niedersachsen befanden sich derart viele Papierfabrikationsstätten auf so engem Raum.

Wir hatten ausgeführt, dass nach dem Ausfall der Frellstedter sowie der Fürstlichen die verbleibenden Manufakturen ihre Technisierung weiter ausgebaut hatten, sodass hier im 18. Jahrhundert zumeist drei und zeitweise gar vier Bütten in Betrieb waren – uneingedenk der praktizierten Nachtschichten: einmalig für das Gebiet des heutigen Landes Niedersachsen und unbedingt herausragend in Deutschland!

Dass diese Leistungs- sowie Qualitätsmerkmale bis in die Zeit der industriellen Papiererzeugung durchgehalten wurden zeigen mehrfach wiederkehrende Bezeichnungen wie „Holländische Papiermühle“ und Papier, „welches sich im ganzen Lande nicht hat finden lassen“ etc., und schließlich die Aufstellung einer der allerersten Papiermaschinen in „Niedersachsen“.

Eine weitere Premiere und Besonderheit stellte 1755 die Räbker Fabrikation des ersten Zierrandpapiers für Niedersachsen dar – beste Sorten des Schreib- und Briefpapiers (Einladungspapier) mit aufwendigem Wasserzeichen, ein Spitzenprodukt und Renommee jeder größeren damaligen Papierfabrik! Bei diesen exquisiten Papieren steigerten sich die Räbker Produktionsstätten zu ausgefallenen Kunstwerken und hielten die höchste Anzahl verschiedener Motive und Ausführungen, welche ein Standort der Papierfabrikation in Niedersachsen auf sich zu vereinigen vermag. Und nicht zuletzt sei auf die technologischen Forschungsarbeiten hingewiesen, welche in Räbke stattfanden – gerade auch mit zukunftsweisenden Materialien! Unser kleines Dorf besetzt allein hiermit einen vordersten Platz in der großen Geschichte der weltweiten Papierhistorie auf dem Weg zum Holzpapier!

Weitere inhaltlich sehr beeindruckende Details zur Geschichte der Räbker Papiermühlen finden sich in:

Joachim Lehrmann: Die Frühgeschichte des Buchhandels und Verlagswesens in der alten Universitätsstadt Helmstedt sowie die Geschichte der einst bedeutenden Papiermühlen zu Räbke am Elm und Salzdahlum, Lehrte, 1994, Hardcover, DIN A4, 369 S., reich bebildert.

 

Joachim Lehrmann: Räbke. Niedersachsens altes Papiermacherdorf. Einst Standort bedeutender Papiermühlen. Hrsg. Räbker Förderverein Mühle Liesebach e.V. 2014.

Beitrag der Mittleren Räbker Papiermühle an der Erfindung des Holzpapiers (online lesbar):

Joachim Lehrmann: Braunschweigische Pioniere – und die Erfindung „einer neuen Art Papier von Holtz Materie“. In: Braunschweigische Heimat. 103. Jahrgang, Nr. 3/2017, S. 13–20, doi:10.24355/dbbs.084-201710231021-2

Die Bücher, übrigens mit zahlreichen Wasserzeichen der behandelten Mühlen ausgestattet, sind über den Vorsitzenden des Vereins erhältlich.

 

Die Ross-Ölmühle

Nach J. Lehrmann: Sie hat die Ass.-Nr. 7 und wird seit 1754 in Räbke genannt.

1779 erbot sich der Oberamtmann Wahnschaffe, diese „von Pferden umgetriebene“ Ölmühle – anstelle seiner zur Ölmühle umgebauten ehem. Fürstl. Papiermühle – zu aquirieren und zu demolieren.

 Namhafte Müllermeister in Räbke

Nach Joachim Lehrmann

Wilhelm Friedrich Wahnschaffe – Pionier des Papierfachs: Installation des zukunftsweisenden ersten Holländischen Lumpen-Mahlgeschirrs in „Niedersachsen“, anstelle der althergebrachten Deutschen Lumpen-Stampfgeschirre – s.o.

Johann Ernst Schaarschmidt – Pionier des Papierfachs: Erprobung zukunftsweisender Materialien/Holzpapier etc. statt der bisher fast ausschließlich genutzten und sehr rar gewordenen weißen Leinenlumpen zur Papierherstellung – s. o.

Hans Wanschape – Müllermeister zu Räbke und Frellstedt, geb. Räbke 14.01.1657, gest. Frellstedt 14.04.1720, Vater des Drosten und vielfachen Domänen- und Rittergutsbesitzers Georg Wilhelm Wahnschaffe. Von beiden sind Bildnisse vorhanden (Lehrmann, S. 202 u. 240). Der spätere preußische Oberamtmann und Braunschweigische Drost ist zu seiner Zeit als Pächter der Domäne Schickelsheim 1743 in Räbke am Sturm auf die Obermühle beteiligt. Er ist zugleich Enkel des Räbker Papiermühlengründers (nach dem 30-jähr. Krieg) Ernst Wanschape.

 

Mühlenkataster Räbke im Jahr 1939

Aus dem Nachlass des ehemaligen Räbker Bürgers Günther Meyer erhielt der Räbker Förderverein Aufzeichnungen unbekannter Quelle, die ein Kataster der Räbker Mühlen aus dem Jahr 1939 darstellen.

Die Aufzeichnungen zu allen sieben Mühlen werden hier gekürzt wieder gegeben:

Obermühle Räbke, Kreis Helmstedt, Amtsbezirk Königslutter

Name der Mühle: Obermühle, sie die am weitesten der Schunterquelle zu gelegen, oberhalb des Ortes

Name des Eigentümers: Ida Nagel, Betriebsleiter Konrad Nagel, der Ehemann

Zustand: In Betrieb, mit oberschlächtigem Wasserrad, zusätzlich 12 1/2 PS Motor, Getriebe in Ordnung, Mahl- und Schrotmühle.

Der Kundenkreis erstreckt sich auf Räbke und Eitzum. Das Mahlgut wird der Konkurrenz wegen abgeholt und zurückgebracht.

Vermahlungskontingent: 100 t Weizen und Roggen, im Jahr 1939 durchschnittlich 3000 Zentner Schrot verarbeitet, ist eine Kundenmüllerei.

Mühle Köhler Räbke, Kreis Helmstedt, Amtsbezirk Königslutter

Name der Mühle: Mühle Köhler, etwa 50 m unterhalb der Obermühle

Eigentümer: Witwe Ella Köhler, Betriebsleiter: der Schwiegersohn Hermann Denecke

Zustand: In Betrieb, oberschlächtiges Wasserrad, das innere Getriebe ist in Ordnung. Heute nur noch Schrotmühle, seit 30 Jahren nicht mehr gemahlen. Beliefert wird nur noch Räbke. Gebäude sind neu gebaut mit landwirtschaftlichen Einrichtungen.

Inselmühle Räbke, Kreis Helmstedt, Amtsbezirk Königslutter

Name der Mühle: Inselmühle, weil sie auf einer von der Schunter gelegenen Insel liegt.

Eigentümer: Wilhelm Vahldiek

Zustand: In Betrieb, oberschlächtiges Wasserrad, zusätzlich 7 1/2 PS Motor, Getriebe in Ordnung, nur Schrotmühle. Der Inhaber der Mühle ist Sattlermeister und betreibt die Mühle als Nebengewerbe. Soll nach Angaben des Besitzers die älteste Mühle im Dorfe sein.

Verarbeitet werden 400 bis 600 Zentner Schrot jährlich. Das Schrotkorn wird gebracht und von den Kunden wieder abgeholt.

Ölmühle Räbke, Kreis Helmstedt, Amtsbezirk Königslutter

Name der Mühle: Ölmühle Räbke. Die Mühle befindet sich auf einem Bauernhofe.

Eigentümer: Erich Willecke

Zustand: Außer Betrieb, wurde von einem oberschlächtigen Wasserrad getrieben. Das Wasserrad noch imstande, wird noch benutzt, um für den landwirtschaftlichen Betrieb Häcksel zu schneiden. Das übrige Getriebe nicht mehr in Ordnung. Die Mühle seit dem Weltkriege (Anm.: 1. Weltkrieg 1914 – 1918) stillgelegt. War nur Ölmühle. Die unteren Räume dienen als Luftschutzkeller. Eine Instandsetzung würde 10.000 RM kosten.

Roggen- und Weizenmühle Räbke, Kreis Helmstedt, Amtsbezirk Königslutter

Name: Roggen- und Weizenmühle Räbke

Eigentümer: Minna Liesebach, Betriebsführer Richard Liesebach, Sohn

Zustand: Durch die Einberufung des Betriebsleiters seit August 1939 stillgelegt. Wasserrad oberschlächtig und 1 Elektromotor 10 PS. Getriebe in Ordnung. Mahlmühle. Die Mühle ist eine Handelsmühle, gewährt ausreichende Existenz, Landwirtschaft wird nicht betrieben. Verarbeitet täglich 3 Wispel Mehl, das hauptsächlich nach Helmstedt und Magdeburg geliefert wird.

Anm.: Die Maßverordnung des Herzogtums Braunschweig vom 30.03.1838 legte fest: 1 Wispel = 4 Scheffel ≈ 1245,79 Liter. Daraus folgt, dass in der Mühle täglich ca. 3.750 Liter Mehl produziert werden konnte. Das entspricht einer Masse von ca. 3.000 kg = 3 Tonnen.

Untere Mühle in Räbke, Kreis Helmstedt, Amtsbezirk Königslutter

Name: Untere Mühle, die letzte Mühle innerhalb des Ortes an der Schunter

Eigentümer: Hermann Prinzhorn, hat im Jahre 1909 die Mühle käuflich erworben.

Zustand: In Betrieb, nur Wasserrad, oberschlächtig. Das innere Getriebe ist in Ordnung. Mahlmühle, hauptsächlich Schrot. Die Kundschaft ersteckt sich auf Räbke, Warberg und Lelm. Verarbeitet jährlich 3.600 Zentner Schrot und 20 t Roggen und Weizen.

Nach Angabe des Besitzers soll der verstorbene Lehrer Löding festgestellt haben, dass die Mühle 1228 von Mönchen erbaut worden ist, danach wäre die Inselmühle nicht die älteste im Orte.

Senfmühle Räbke, Kreis Helmstedt, Amtsbezirk Königslutter

Name: Senfmühle Räbke

Lage: Räbke, liegt 1 km außerhalb des Ortes, rechts von der Straße Räbke – Frellstedt.

Eigentümer: Albert Lampe

Zustand: Die Senfmühle ist im Betrieb. Wasserrad oberschlächtig und 1 Elektromotor 7 1/2 PS. Das Getriebe ist noch in ausreichendem Zustande. Die Senfmühle ist eine Handelsmühle. Es werden die Kaufleute der näheren und weiteren Umgebung mit dem Produkt beliefert.

Im Jahre 1939 wurden 7.757 kg und im Jahre 1940 7.753 kg Senfsaat verarbeitet.